Auf Spurensuche: 20 Jahre nach dem ersten Spatenstich lassen wir die Entwicklung von Belval Revue passieren und möchten erfahren, wie das Stadtprojekt von Bewohnern und Experten wahrgenommen wird. Die Vorgehensweise: eine breit angelegte Befragungsaktion, die von AGORA und dem Planungsbüro Zeyen+Baumann mit allen Beteiligten durchgeführt wurde. Das Ergebnis: ein klares Meinungsbild und Verbesserungsmöglichkeiten, auf die hingearbeitet werden sollte, insbesondere im Bereich der Mobilität. Das Ergebnis wird hier wie in einem detaillierten Dokumentationsbericht zusammengefasst, mit Beiträgen von Lex Faber, Stadtplaner und Raumplaner bei Zeyen+Baumann, und Alexandre Londot, operativer Leiter (Directeur des Opérations) bei AGORA.



Um ein möglichst genaues Bild davon zu bekommen, was die Bewohnerinnen und Bewohner von Belval über das Stadtprojekt denken, war es erforderlich, eine große Stichprobenerhebung durchzuführen. „Die öffentliche Meinung über Belval wird in einigen Zeitungsartikeln dokumentiert, aber das ist sehr lückenhaft und unzureichend“, bemerkt Lex Faber. „Wenn man die befragten Personen und die Art der Befragung variiert, erhält man ein vielfältigeres und umfassenderes Echo.“ Zu den Beteiligten, die im Rahmen dieser groß angelegten Aktion befragt wurden, gehörten daher gewählte Mandatsträger, AGORA-Partner, Stadtplaner, Architekten, Ingenieure, Projektentwickler, Arbeiter aus dem Viertel, Anwohner, am Standort tätige Unternehmer und Besucher auf der Durchreise. Kurz gesagt: alle Beteiligten!

Die Kunst des methodischen Vorgehens
Aber welchen Verfahrensablauf sollte man umsetzen, um so viele verschiedenartige Personenprofile effizient zu befragen? Zunächst sollten die Analysen von drei „Experten“ zusammengeführt werden, die sich eingehend mit der Thematik befasst haben, um dann zur Vertiefung umfassende thematische Workshops durchzuführen. Die Journalistin Anne Elisabeth Bertucci wurde beauftragt, die Meinung der breiten Öffentlichkeit in Form von Passantenbefragungen zu erfassen und aufzubereiten, die Stadtplanerin und Architektin Isabelle Van Driessche hatte die Aufgabe, Daten zu erheben und eine fachkundige Stellungnahme zu Fragen des städtischen Raums zu erarbeiten, und schließlich wurde Jeannot Schroeder, ein anerkannter Experte für Ökologie und Kreislaufwirtschaft, eingeladen, um die Vorgehensweisen von Belval in Bezug auf Nachhaltigkeit und ökologische Verantwortung zu analysieren. All dies diente als Material für die anschließenden thematischen Workshops, in denen es um Verbesserungen am Standort ging und schließlich um die Erstellung eines Aktionsplans anhand von sechs Hauptthemen: Stadtplanung, öffentlicher Raum, Mobilität, Ressourcen, Governance und interne Arbeitsabläufe von AGORA.

Lex Faber erläutert in diesem Zusammenhang:
Die Idee bestand nicht darin, eine wissenschaftliche Auswertung vorzunehmen, sondern zu erfahren, wie Belval wahrgenommen wird. In diesem Sinne haben die Journalistin und der Stadtplaner weder die ursprünglichen Masterpläne noch die offiziellen Dokumente, in denen die städtebaulichen Konzepte von Belval detailliert beschrieben werden, allzu sehr in Betracht gezogen. Sie haben sich ernsthaft bemüht, das Viertel so zu erfahren und zu erkunden, wie es sich heute darstellt und wie es im Hier und Jetzt von seinen Bewohnern wahrgenommen und erlebt wird. Jeannot Schroeder hingegen versuchte im Rahmen des Möglichen, quantitative Daten zu erfassen, z. B. über den Wasser- und Stromverbrauch, aber dies erwies sich als unzulänglich und er kombinierte seinen statistischen und theoretischen Ansatz auch mit konkreteren, erfahrungsbasierten Methoden vor Ort.
Lex Faber, Architekt und Raumplaner des Planungsbüros Zeyen+Baumann
Im Rahmen des umfangreichen Maßnahmenkatalogs, den Zeyen+Baumann zur Bewältigung seiner Aufgabe einsetzte, wurde auch eine kurze Studie durchgeführt, in der Belval mit ähnlichen Stadtteilen verglichen wurde. Dabei wurden die Hafencity am Rande des Hamburger Hafens und L’Union, ein Öko-Stadtteil an der Schnittstelle zwischen Lille, Tourcoing, Roubaix und Wattrelos, untersucht
Einige Erfolgsgeschichten zum Nachahmen
Die öffentliche Meinung hat entschieden: Belval gilt insbesondere als Erfolg in Bezug auf die allgemeine architektonische Qualität der Gebäude, die Tatkraft seiner eher jungen Bevölkerung, die harmonische Integration des industriellen Erbes und die Vorzeigequalität der „Waassertrap“, dieser Wassertreppe, die nicht nur die Landschaft verschönert, sondern gleichzeitig dazu dient, das Regenwasser zurückzuhalten. Ein weiterer positiver Aspekt? Der beruhigende Charakter des großen Parks Um Belval, auch wenn die Einwohner der Meinung sind, dass es nicht genügend Grün im Stadtquartier gibt!

Alexandre Londot hebt besonders diesen letzten Aspekt hervor:
Für die Zukunft von Belval und für die Entwicklung des zukünftigen Quartiers Metzeschmelz können wir festhalten, dass Grünflächen von größter Bedeutung sind. Man braucht sie überall. Unsere Stadtquartiere gewinnen natürlich durch große Parks wie den Um Belval Park, die gewissermaßen die Lungen der Stadt sind, aber auch durch die Integration von Grün in jedem Straßenstück und auf jeder kleinen Freifläche. Wir brauchen kollektive Gemüsebeete in Gemeinschaftsgärten rund um die Gebäude, Pflanzen auf Teilstücken öffentlicher Plätze, wo immer es möglich ist, begrünte Dächer und auch Begrünungen, die in die Architektur der Gebäude und an den Fassaden integriert sind.
Alexandre Londot, operativer Leiter bei AGORA

Zu berücksichtigende Sichtweisen
Werfen wir einen Blick auf das von Zeyen+Baumann erstellte zusammenfassende Arbeitspapier auf Seite 16: „Die Bewohner nehmen lieber das Auto als die öffentlichen Verkehrsmittel oder das Fahrrad, da das Stadtquartier nicht gut an den öffentlichen Nahverkehr angebunden ist.“
Seite 18: „Was das Zusammenleben und die Gemeinschaft betrifft, sehen die Bewohner Belval vor allem als Arbeitsort.“
Seite 19: „Dem Quartier mangelt es an funktionaler Vielfalt.“
Seite 21: „Das Stadtquartier ist nach wie vor auf beachtliche externe Energie angewiesen.“
Zwanzig Jahre nach seiner ursprünglichen Konzeption wird Belval offensichtlich so wahrgenommen, als sei es in bestimmten alten Vorgehensweisen gefangen. So wurde beispielsweise das Auto in der Anfangszeit bevorzugt, als der Ort noch eine Industriebrache war, die kaum durch öffentliche Verkehrsmittel an den Rest des Landes angebunden war. Das gehört zunehmend der Vergangenheit an. Es gibt jedoch noch Verbesserungsbedarf. Gute Nachrichten in Bezug auf die Mobilität: Der neue Mobilitätsplan, der rund um die neue Straßenbahn und ein dichtes Fahrradnetz ausgerichtet ist, wird die Gegebenheiten bis zum Jahr 2035 völlig verändern.

Es bedarf zweifellos weiterer Kommunikationsmaßnahmen, um diesen noch weitgehend unbekannten Mobilitätsplan bekannter zu machen. Um die Nutzung des Fahrrads zu erleichtern wurde unter anderem beschlossen, einen „Pop-up“-Radweg einzurichten, der den Velodukt mit dem parallel zur Waassertrap verlaufenden Weg verbindet, solange verschiedene Teile des Viertels noch Baustellen mit eingeschränktem Zugang zu den Hauptfahrradwegen sind. Nach und nach werden überall auch neue Einrichtungen geschaffen, die die aktive Mobilität mit dem Fahrrad oder zu Fuß sowie die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel erleichtern werden.
Alexandre Londot, operativer Leiter bei AGORA

Die Tatsache, dass Belval als Stadtquartier mit dem Auto assoziiert ist, beruht auf den zahlreichen temporären Parkplätzen, die während der Bauarbeiten eine zeitlang zur Verfügung standen und selbst nach ihrem Verschwinden noch in Erinnerung blieben. Übergangsgestaltungen können zu einem bestimmten Zeitpunkt die Wahrnehmung eines Stadtteils prägen, und das ist eine Erkenntnis, die wir für die Entwicklung von Metzeschmelz nutzen sollten. Die zeitliche Planung der Arbeiten muss gradueller gestaltet und besser über die betreffende Fläche verteilt werden. In Belval wird beispielsweise der zentrale Bereich als letzter ausgebaut, was seine Vorteile hat, aber auch die Wahrnehmung einer von Baustellen und Parkplätzen zerfurchten Stadt fördert, was sie für verschiedene Arten von Mobilität ungeeignet macht.
Lex Faber, Architekt und Raumplaner des Planungsbüros Zeyen+Baumann
Aufgabe erfüllt? Auf jeden Fall! Die von AGORA und Zeyen+Baumann durchgeführte Umfrage ermöglicht es nicht nur, die Entwicklung von Belval neu zu überdenken, sondern auch diejenige anderer ähnlicher Stadtquartiere, wie beispielsweise des zukünftigen Quartier Metzeschmelz. Eine Einladung, die Zukunft der Städte aus einer integrativeren, nachhaltigeren Perspektive zu betrachten, die sich auf die Lebensqualität ihrer Bewohner konzentriert.




