Seit mehr als 140 Jahren hat der Standort Metzeschmelz den industriellen Aufschwung Luxemburgs begleitet. Zwischen Esch-sur-Alzette und Schifflange wird dieses ehemalige Stahlwerk heute zum Ausgangspunkt eines neuen Stadtentwicklungsprojekts: ein gemischt genutztes, nachhaltiges und vernetztes Stadtviertel, das die Spuren seiner Vergangenheit bewahren und gleichzeitig den Anforderungen der Stadt von morgen gerecht werden soll.
Ein Name, der unmittelbar mit der Geschichte Luxemburgs verbunden ist
Der Name „Metzeschmelz“ geht auf die Familie Metz zurück, eine der Pionierfamilien der luxemburgischen Stahlindustrie. Im Jahr 1871 schloss sich Norbert Metz mit Victor Tesch zusammen, um in Esch-Schifflange ein neues Stahlwerk in Betrieb zu nehmen. Der Standort hieß damals „Metze Schmelz“, also die „Metz-Schmelze“.
Diese Ansiedlung stellt einen wichtigen Meilenstein in der Wirtschaftsgeschichte des Landes dar. Das Werk wurde in der Nähe der Eisenerzvorkommen im Süden Luxemburgs errichtet, in einer Region, die sich nach und nach zum industriellen Zentrum des Großherzogtums entwickeln sollte. Mit der Metzeschmelz und anderen Standorten der Stahlindustrie verlagert sich der wirtschaftliche Schwerpunkt des Landes nach Süden und trägt so zur Entwicklung von Esch-sur-Alzette, Schifflange und des gesamten Bergbaugebiets bei.
Das 1871 in Betrieb genommene Werk zählt zu den ersten großen Stahlwerken, die direkt in der Nähe der luxemburgischen Erzvorkommen errichtet wurden. Diese Nähe erleichtert die Versorgung mit Erz und trägt zum Aufschwung einer Industrie bei, die das Gebiet, die Wirtschaft und die Gesellschaft des Landes nachhaltig verändern sollte.
Eine Fabrik, die zu einer regelrechten Kleinstadt geworden ist
Im Laufe der Jahrzehnte entwickelte sich Metzeschmelz zu weit mehr als nur einem Komplex aus Hochöfen und Produktionshallen. Das Gelände dehnte sich aus, wurde modernisiert und strukturierte sich zu einer regelrechten kleinen Industriestadt.
Eisenbahnschienen verbinden die verschiedenen Bereiche des Werks miteinander. Verwaltungsgebäude, Werkstätten, technische Anlagen, Lagerräume und Spezialausrüstungen sind um die Produktionseinheiten herum angeordnet. Lokomotiven und Waggons sind ständig im Einsatz, um Erz, Kohle, Halbfertigprodukte und die für den Betrieb des Stahlwerks erforderlichen Materialien zu transportieren.
Diese Organisation spiegelt die Funktionsweise eines großen integrierten Stahlwerks wider. Jeder Bereich erfüllt eine bestimmte Funktion, doch alle sind durch ein komplexes Netz aus Schienen, Brücken, Rohrleitungen und Gebäuden miteinander verbunden. So wird die Industrielandschaft zu einer eigenständigen Stadtlandschaft, geprägt von imposanten Bauwerken, spezifischen Arbeitsrhythmen und einer Architektur, die direkt von den Erfordernissen der Produktion bestimmt wird.
Doch Metzeschmelz ist auch ein Ort des Lebens. Seit mehreren Generationen arbeiten dort Frauen und Männer, treffen sich dort und gestalten ihre Zukunft. Das Werk trägt zum Wohlstand der Nachbarstädte bei und prägt eine kollektive Identität, die weit über seine physischen Grenzen hinausreicht. Es wird zu einem Orientierungspunkt für die Einwohner von Esch-sur-Alzette, Schifflange und der gesamten Region.
Von der Metze Schmelz zu ARBED
Das Wachstum der luxemburgischen Stahlindustrie führte nach und nach zu einer Konzentration der Unternehmen und zur Modernisierung der Anlagen. Im Jahr 1911 schlossen sich mehrere luxemburgische Stahlunternehmen zur ARBED zusammen. Die ehemalige Metze Schmelz wurde daraufhin zum ARBED-Werk in Esch-Schifflange und in ein größeres industrielles Netzwerk integriert.
Dieser Umbau ging mit einer neuen Entwicklungsphase einher. Der Standort wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts, insbesondere ab 1912–1913, erweitert und modernisiert. Dank neuer Anlagen konnten die Produktionskapazitäten gesteigert und das Werk an die technischen Entwicklungen in der Stahlindustrie angepasst werden.
Seit Jahrzehnten trägt das Werk zur Wettbewerbsfähigkeit der luxemburgischen Industrie auf den europäischen Märkten bei. Seine Geschichte spiegelt die Entwicklung eines Sektors wider, der eine zentrale Rolle beim wirtschaftlichen Aufbau des Landes und bei dessen internationaler Öffnung gespielt hat. Im Jahr 2007 wurde der Standort im Zuge der sukzessiven Umstrukturierungen der luxemburgischen Stahlindustrie in den ArcelorMittal-Konzern integriert.
Das goldene Zeitalter von Metzeschmelz
Zwischen den Jahren 1910 und 1960 erlebte Metzeschmelz eine Phase reger Tätigkeit. Die Infrastruktur wurde ausgebaut, die Anlagen wurden modernisiert und der Schienenverkehr nahm zu. Die Industriehallen, Werkstätten und technischen Gebäude bilden einen besonders weitläufigen Komplex, in dem Tag und Nacht die Stahlproduktion auf Hochtouren lief.
Historische Aufnahmen aus dieser Zeit verdeutlichen die Größe des Werksgeländes: Lokomotiven bedienen die verschiedenen Bereiche des Werks, Waggons transportieren Rohstoffe und Fertigprodukte, während sich die Teams abwechseln, um einen unterbrechungsfreien Produktionsbetrieb aufrechtzuerhalten.
Diese Zeit war zugleich von einem tiefgreifenden Wandel im Süden Luxemburgs geprägt. Die Stahlindustrie schuf Arbeitsplätze, zog neue Einwohner an und förderte den Ausbau der Infrastruktur, des Wohnungsbaus, des Einzelhandels und der öffentlichen Dienstleistungen. Metzeschmelz entwickelte sich zu einem der Motoren des regionalen Wachstums.
Ihr Einfluss lässt sich daher nicht allein an der Menge des produzierten Stahls messen. Er spiegelt sich auch in den Lebenswegen der Familien, in der Gestaltung der Städte und in den Erinnerungen jener Generationen wider, die im Rhythmus der Fabrik gelebt haben.
Wenn die Produktion zum Stillstand kommt
Ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts trat die europäische Stahlindustrie in eine Phase tiefgreifender Veränderungen ein. Die Märkte entwickelten sich weiter, die Technologien wandelten sich, und die Industriestandorte sahen sich einem verschärften internationalen Wettbewerb gegenüber.
In Metzeschmelz wurden die Anlagen schrittweise stillgelegt, abgebaut oder umgenutzt. Die Stahlproduktion wurde Anfang der 2010er Jahre nach und nach eingestellt. Historischen Quellen zufolge gilt das Werk seit 2012 als geschlossen, während die endgültige Schließung des Produktionsstandorts auf das Jahr 2016 datiert wird. Diese Diskrepanz spiegelt einen schrittweisen Prozess der Einstellung der Aktivitäten wider und nicht eine einmalige, sofortige Schließung.
Nach mehr als einem Jahrhundert Betrieb verwandelt sich das Gelände in eine etwa 63 Hektar große Industriebrache. Die Gleise, Hallen, Brücken und bestimmte technische Anlagen sind zwar noch sichtbar, doch ihre ursprüngliche Funktion ist nicht mehr gegeben. Die Landschaft verändert ihren Rhythmus: Dort, wo einst Züge verkehrten und sich die Schichten ablösten, kehrt allmählich Stille ein.
Diese Übergangsphase bedeutet jedoch nicht das Ende von Metzeschmelz. Sie gibt vielmehr Anlass zu neuen Überlegungen: Wie lässt sich einem so weitläufigen, so stark von der Industrie geprägten und für das kollektive Gedächtnis so wichtigen Standort eine Zukunft geben?
Ein neues Leben für eine 63 Hektar große Brachfläche
Die Antwort darauf ist heute ein von AGORA getragenes Stadtentwicklungsprojekt. Das ehemalige ARBED-Werksgelände in Esch-Schifflange soll zu einem neuen Wohnviertel werden, das Esch-sur-Alzette und Schifflange miteinander verbindet.
Auf einer Fläche von fast 63 Hektar werden in Metzeschmelz schrittweise Wohnungen, Büros, Geschäfte, Dienstleistungsangebote, Schulen, Kindertagesstätten, Freizeiteinrichtungen und öffentliche Räume entstehen. Das Projekt soll den Bedürfnissen einer sich entwickelnden Region gerecht werden und gleichzeitig ein lebendiges, gemischt genutztes und barrierefreies Stadtviertel schaffen.
Langfristig sehen die Prognosen rund 4.360 Wohnungen, eine Aufnahmekapazität von bis zu 8.000 bis 10.000 Einwohnern sowie fast 7.880 Arbeitsplätze vor. Diese Zahlen verdeutlichen das Ausmaß der geplanten Umgestaltung: Es geht nicht lediglich um die Sanierung einer ehemaligen Fabrik, sondern um die Schaffung eines neuen städtischen Zentrums für den Süden Luxemburgs.
Das Projekt folgt dem Prinzip der funktionalen Durchmischung. Wohnungen, Arbeitsstätten, Geschäfte, öffentliche Einrichtungen und Freizeitbereiche werden nahe beieinander angeordnet, um kurze Wege zu fördern und die Abhängigkeit vom Auto zu verringern. Rund um das Gelände sind Lösungen für den öffentlichen Nahverkehr und die aktive Mobilität sowie „Mobility Hubs“ vorgesehen.
Mit den vorhandenen Ressourcen bauen
Die Umgestaltung von Metzeschmelz basiert ebenfalls auf einem kreislauforientierten Ansatz in der Stadtplanung. Anstatt die Brachfläche als leeres Gelände zu betrachten, das vollständig neu gestaltet werden muss, stützt sich das Projekt auf das bereits Vorhandene: das bauliche Erbe, die Materialien, die Strukturen, die Versorgungsnetze und die Geschichte des Ortes.
Dieser Ansatz steht im Einklang mit dem Prinzip des „Urban Mining“, bei dem bestehende Gebäude und Infrastrukturen als Material- und Ressourcenreserve betrachtet werden. Durch die Wiederverwendung bestimmter Strukturen lässt sich der Verbrauch neuer Materialien begrenzen, das Abfallaufkommen verringern und ein Teil der Energie erhalten, die bereits in den Bau des Standorts investiert wurde.
AGORA entwickelt zudem ein Kreislaufkonzept für die Wasser- und Energiewirtschaft. Das Projekt sieht insbesondere die Nutzung von Solarenergie, die Rückgewinnung und Wiederverwendung von Wasser sowie die Schaffung begrünter öffentlicher Räume und Stadtwälder vor. Ziel ist es, ein Stadtviertel zu gestalten, in dem die verschiedenen Ressourcen vernetzt verwaltet werden, anstatt in getrennten Kreisläufen zu funktionieren.
Dieses Ziel spiegelt sich im Konzept „Symbiosis“ wider, das als zirkuläres Ressourcenmanagementsystem für das künftige Stadtviertel konzipiert wurde. Regenwasser, Abwasser, Energie und Abfall können als Bestandteile ein und desselben Systems betrachtet werden, mit dem Ziel, deren Wiederverwendung zu maximieren und die Umweltbelastung des Stadtviertels zu verringern.
Ein lebendiges Kulturerbe bewahren
Bei der Umgestaltung von Metzeschmelz geht es nicht darum, die Industriegeschichte des Standorts auszulöschen. Im Gegenteil: Bestimmte Gebäude, architektonische Ensembles und technische Elemente sollen erhalten und in das künftige Stadtviertel integriert werden.
Hallen, Werkstätten, Brücken, bahntechnische Anlagen, Rohrleitungen und andere Industrieanlagen können zu städtischen Wahrzeichen, Orten des Geschehens oder Bestandteilen des öffentlichen Raums werden. Durch ihre Präsenz bleibt eine visuelle und emotionale Verbindung zur Geschichte der Stahlindustrie erhalten.
Das Kulturerbe soll nicht lediglich in Form einzelner Objekte oder statischer Gebäude erhalten bleiben. Die vor Ort durchgeführten Untersuchungen empfehlen, architektonische Ensembles sowie die verschiedenen Bau- und Erweiterungsphasen der ehemaligen Fabrik zu berücksichtigen: die ersten Anlagen aus dem Jahr 1871, die zwischen 1913 und 1960 durchgeführten Erweiterungen und Modernisierungen sowie die in den folgenden Jahrzehnten errichteten Anbauten.
Dieser Ansatz verleiht dem Kulturerbe eine aktive Funktion. Es geht nicht darum, Metzeschmelz in ein Freilichtmuseum zu verwandeln, sondern seine Spuren in den Alltag des künftigen Stadtviertels zu integrieren. Die Bewohner werden so in einem Umfeld leben, arbeiten, sich fortbewegen und begegnen können, in dem die Industriegeschichte sichtbar bleibt.
Von der Brachfläche zum nachhaltigen Stadtviertel
Die Umnutzung einer Industriebrachen dieses Ausmaßes ist zwangsläufig ein langwieriger Prozess. Die Studien, die Planungsverfahren, die Sanierungs- und Rückbauarbeiten sowie die Bauphasen müssen schrittweise durchgeführt werden.
Das Projekt war von Anfang an partizipativ angelegt. An einer Machbarkeitsstudie waren mehr als hundert Experten aus dem öffentlichen und privaten Sektor beteiligt. Im Jahr 2019 brachte ein internationaler städtebaulicher Planungsworkshop anschließend mehrere auf die Umgestaltung ehemaliger Industriestandorte spezialisierte Teams zusammen, wobei die Bevölkerung das Projekt unterstützte. Das ausgewählte Projekt wurde von den Büros COBE, Urban Agency, LUXPLAN und Urban Creators entwickelt.
Die Bürgerbeteiligung ist ein wichtiger Bestandteil dieses Vorgehens. Planungsworkshops, öffentliche Versammlungen, der Austausch mit den Gemeinden sowie Konsultationen der Interessengruppen sollen dazu beitragen, die Nutzungsformen und Räume des künftigen Stadtviertels zu konkretisieren.
Seit 2021 finden auf dem Gelände bereits verschiedene temporäre Aktivitäten statt, darunter das FerroForum, das Museum Schmelzaarbechter, Kunstprojekte, kulturelle Veranstaltungen und Dreharbeiten. Diese vorübergehenden Nutzungen tragen dazu bei, das Gelände während seiner Umgestaltung lebendig zu halten und seine Räumlichkeiten einem neuen Publikum zugänglich zu machen.
Vom industriellen Erbe zur Stadt von morgen
Die Geschichte von Metzeschmelz ist die Geschichte eines Gebiets im Wandel. Entstanden im Zuge der Industrialisierung des südlichen Luxemburgs, hat dieser Standort das Wachstum der Städte, den Aufschwung der Stahlindustrie und das Leben mehrerer Generationen von Arbeitern begleitet.
Heute schlägt mit seiner Umgestaltung ein neues Kapitel auf. Das künftige Stadtviertel muss den Herausforderungen der heutigen Zeit gerecht werden: neue Einwohner aufnehmen, Arbeitsplätze schaffen, nachhaltige Mobilität fördern, Ressourcen schonen und die Verbindungen zwischen Esch-sur-Alzette und Schifflange stärken.
Doch seine Identität wird mit dem Ende der Stahlproduktion nicht verschwinden. Sie wird sich weiterhin in den erhaltenen Gebäuden, den wiederverwendeten Bauwerken, den veränderten Landschaften und den weitergegebenen Erzählungen widerspiegeln.
Vom Metzeschmelz von 1871 bis zum nachhaltigen Stadtviertel von morgen – Metzeschmelz steht für eine neue Art der Stadtgestaltung: nicht durch das Ausblenden der Vergangenheit, sondern indem man auf ihr aufbaut, um die Zukunft zu gestalten.















